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10. Okt

2017

LegalTech – alles nur ein vorübergehender Hype?

Dr. Gian Sandro Genna, Rechtsanwalt, Jusonline AG, Bern.

 

Die Schweizer Anwaltsszene ist zurzeit in heller Aufregung. Begriffe wie Smart-Contacts, Blockchain oder Document-Automation machen die Runde und sorgen bei vielen Anwälten für schlaflose Nächte. Was ist passiert? LegalTech - die Verbindung von Digitalisierung und Recht - ist in der altehrwürdigen Juristenzunft angekommen. Vor zwei Jahren wusste noch kein Mensch, was damit gemeint sein soll, heute fürchten gestandene Wirtschaftsanwälte um ihre Jobs und denken, dass sie schon bald durch intelligente Software und smarte Tech-Firmen ersetzt werden könnten.

 

Tatsächlich ist es so, dass die Digitalisierung auch die bisher von technischen Revolutionen verschonte Anwaltsbranche verändern wird. Und Tatsache ist, dass anwaltliche Geschäftsmodelle, die vorab auf verrechenbaren Stunden basieren und somit keinen Anreiz zur Effizienzsteigerung bieten, unter Druck geraten. Dennoch ist heute keine Technologie in Sicht, welche den Anwalt komplett ersetzen könnte. Eigentlich ist sogar das Gegenteil der Fall: Die Digitalisierung hilft den Rechtsdienstleistern, ihre Arbeit effizienter, kundenfreundlicher und wirtschaftlicher zu erbringen. Bedingung dafür ist jedoch, dass die Anwälte erkennen, dass sie letztlich nichts anderes sind als juristische Dienstleister, die für den Kunden gegen Entgelt ein Problem lösen. Der moderne Kunde wird die gewünschte Dienstleistung immer dort beziehen, wo sie für ihn schneller, besser und günstiger erbracht wird. Dies muss eben nicht zwingend beim klassischen Anwalt sein, sondern auch bei einem der vielen Online-Services, die im Moment wie Pilze aus dem Boden schiessen.

 

Die einzige Technologie, der heute eine echt disruptive Kraft zugeschrieben werden kann, ist die Blockchain und die mit ihr verbundenen sog. Smart-Contracts, also sich automatisch vollziehende, digitale Verträge. Die Blockchain als Basis für virtuelle Datenbanken, Transaktionen und Vermögenswerte aller Art dürfte die wohl grösste technologische Revolution seit Erfindung des Internets oder des Smartphones darstellen. Vor ihr müssen sich jedoch nicht in erster Linie die Anwälte fürchten, sondern vorab Notare, Banken und Registerämter (Grundbuch, Handelsregister etc.). Deren Funktionen können nämlich durch Anwendungen auf der Blockchain dereinst komplett ersetzt werden. Und bekanntlich wird alles, was technisch machbar ist, früher oder später auch gemacht. Es dürften nur noch wenige Jahre vergehen, bis Blockchain-Anwendungen für uns alltäglich geworden sind. Wer also als junger Jurist heute Notar werden möchte, sollte diesen Berufswunsch noch einmal überdenken…

 

Wir beobachten im Moment in der Szene gewisse Züge eines Hypes: Viele Akteure in der Rechtsbranche meinen, sie würden gerade den Postabgang verpassen und wollen daher auf den fahrenden Zug aufspringen. Klar ist aber, dass längst nicht alle gefeierten LegalTech-Start-ups überleben werden. Dafür wird alleine die geringe Marktgrösse der Schweiz sorgen. Zudem ist hierzulande, im Unterschied etwa zu den USA oder Deutschland, der Zugang zum Recht für breite Schichten deutlich einfacher, da sich zahlreiche Verbände, Gewerkschaften, Zeitschriften, Rechtsschutzversicherungen und Treuhänder um die Rechtsprobleme der Mieter, Arbeitnehmer, Konsumenten und Kleinunternehmer kümmern.

 

Trotzdem sollte man die Sprengkraft von LegalTech und ihren meist jugendlichen Anbietern nicht unterschätzen. Gerade kleinere und mittelgrosse Kanzleien, die oft keine unternehmerische Strategie verfolgen und nur beschränkte Mittel für Investitionen in Technologien haben, werden unter Druck geraten. Eine moderne Kundschaft wird die Lösung für ihre Rechtsproblem nämlich zunehmend im Internet suchen und den teuren Gang zum Anwalt vermeiden. Überdies haben Kleinkanzleien bereits heute Mühe, qualifizierten Nachwuchs zu finden, da das Arbeitsmodell des traditionellen Anwalts bei der «Generation Y» als unattraktiv gilt. Zynisch gesagt: Mit der alternden Klientschaft werden auch deren Anwälte aussterben.

Was sicher nicht mehr zieht, ist das Anbringen eines Messingschildes mit der Aufschrift «Rechtsanwalt» und der Erwartung, damit Kundschaft zu akquirieren.

Was lässt sich als Kleinkanzlei gegen solche Entwicklungen tun? Sehr vieles, nämlich: fachliche Spezialisierung und klare unternehmerische Positionierung, zielgerichtetes Social-Media-Marketing, Zusammenarbeit mit Online-Diensten, Einsatz von Technologie für die Fallbearbeitung, Zusammenschluss zu überregionalen Netzwerken, Einbindung von nicht-juristischen Fachleuten usw. Der unternehmerischen Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Was sicher nicht mehr zieht, ist das Anbringen eines Messingschildes mit der Aufschrift «Rechtsanwalt» und der Erwartung, damit Kundschaft zu akquirieren.

 

Gleich wie dem traditionellen Hausarzt wird es somit auch dem Einzelanwalt und der Kleinkanzlei ergehen: Ohne Veränderung ist das baldige Aussterben vorprogrammiert. Innovative Hausärzte haben es jedoch geschafft, dank Zusammenschluss zu Gemeinschaftspraxen, Zusammenarbeit mit Spitälern und Heimen, Digitalisierung und Standardisierung ihrer Abläufe sowie durch Eröffnung von Walk-in-Praxen und medizinischen Call-Centern eine unentbehrliche Gatekeeper- und Gesundheitsmanager-Funktion einzunehmen. Genau diese Entwicklung ist den Anwälten im Zeitalter des LegalTech-Hype auch zu wünschen!

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